Was RCM ist, und was es nicht ist
Reliability Centered Maintenance wird oft als weitere Instandhaltungsstrategie neben präventiv und zustandsorientiert eingeordnet. Das ist der häufigste Irrtum dazu.
RCM ist eine Ebene darüber. Es ist ein Entscheidungsverfahren, das für jede einzelne Fehlerart eines Betriebsmittels bestimmt, welche Strategie überhaupt sinnvoll ist. Das Ergebnis kann eine feste Wartungsfrist sein, eine zustandsorientierte Überwachung, eine Suchprüfung oder auch die bewusste Entscheidung, bis zum Ausfall zu fahren.
Der Ansatz stammt aus der zivilen Luftfahrt und ist heute in SAE JA1011 genormt. Diese Norm schreibt kein Verfahren vor. Sie legt fest, welche Mindestkriterien ein Verfahren erfüllen muss, damit es sich RCM nennen darf.
Die sieben Fragen nach SAE JA1011
Ein Verfahren gilt als RCM, wenn es diese sieben Fragen der Reihe nach beantwortet.
- Welche Funktionen hat das Betriebsmittel in seinem tatsächlichen Einsatzkontext, und mit welcher geforderten Leistung?
- Auf welche Weise kann es diese Funktionen verfehlen?
- Was verursacht jeden dieser Funktionsausfälle?
- Was passiert, wenn der Ausfall eintritt?
- Inwiefern ist der Ausfall von Bedeutung?
- Was lässt sich tun, um den Ausfall vorherzusagen oder zu verhindern, und in welchem Intervall?
- Was ist zu tun, wenn sich keine geeignete vorbeugende Maßnahme finden lässt?
Bemerkenswert ist Frage eins. RCM fragt nicht nach dem Gerät, sondern nach seiner Funktion im konkreten Einsatz. Derselbe Kettenzug in der Halle und auf der Baustelle bekommt deshalb unterschiedliche Antworten.
Die vier Folgenkategorien
Frage fünf ist der Kern des Verfahrens. RCM teilt die Folgen eines Ausfalls in vier Kategorien ein:
- Verdeckte Folgen: Der Ausfall bleibt im Normalbetrieb unbemerkt und wird erst bei einem zweiten Ereignis sichtbar. Typisch für Schutzeinrichtungen.
- Sicherheit und Umwelt: Der Ausfall kann Menschen verletzen oder die Umwelt schädigen.
- Betriebliche Folgen: Der Ausfall kostet Produktion.
- Nichtbetriebliche Folgen: Es entstehen nur die Reparaturkosten.
Diese Reihenfolge ist keine Aufzählung, sondern eine Rangfolge. RCM behandelt Sicherheits- und Umweltfolgen vorrangig vor betrieblichen. Wer nach RCM arbeitet, trifft Instandhaltungsentscheidungen also zuerst als Sicherheitsentscheidungen und erst danach als wirtschaftliche.
Das ist der Punkt, an dem RCM und Arbeitssicherheit dasselbe sagen. Was an der Übergabe zwischen beiden Welten verloren geht, ist genau diese Einstufung.
Welche Maßnahmen RCM zulässt
Aus Frage sechs und sieben ergeben sich fünf zulässige Antworten. Eine planmäßige Überholung, ein planmäßiger Austausch, eine zustandsorientierte Maßnahme, eine Suchprüfung für verdeckte Ausfälle oder der bewusste Betrieb bis zum Ausfall.
Die Suchprüfung ist die Kategorie, die in der Praxis am häufigsten fehlt. Eine Not-Aus-Einrichtung, die nie betätigt wird, verrät ihren Defekt nicht von selbst. Sie muss gesucht werden.
Was davon im Mittelstand trägt
Ein vollständiges RCM-Projekt ist aufwendig. Es verlangt eine Funktions- und Fehleranalyse je Betriebsmittel und lohnt sich dort, wo Ausfälle teuer oder gefährlich sind. Für einen Bestand aus Leitern, Anschlagmitteln und Handhebezeugen ist das überdimensioniert.
Übertragbar ist trotzdem etwas, und zwar der Kern. Nach § 3 Absatz 6 BetrSichV ermittelt das Unternehmen Art, Umfang und Fristen der Prüfungen selbst. Diese Entscheidung muss begründbar sein. RCM liefert dafür eine anerkannte Begründungslogik: nicht vom Gerät her denken, sondern von der Funktion, der Fehlerart und der Folge.
Konkret heißt das drei Fragen statt sieben. Was passiert, wenn dieses Betriebsmittel ausfällt? Merkt es jemand? Und wenn nicht, wie oft muss danach gesucht werden? Wer das je Gerätegruppe schriftlich beantwortet, hat eine Gefährdungsbeurteilung, die im Audit trägt.
Fazit
RCM ersetzt keine Prüfpflicht und keine Frist. Es ordnet die Frage, wie man zu beidem kommt. Der wertvollste Teil für Betriebe ohne eigene Zuverlässigkeitsabteilung ist die Rangfolge der Folgen, weil sie eine Entscheidung erzwingt, die sonst implizit bleibt: Wie schlimm ist es eigentlich, wenn dieses Ding ausfällt?